Zum Inhalt springen

Kritische Theorie – war da was? Philosophie in Frankfurt heute

Viele Studierende am Institut für Philosophie stellen sich die Frage, wie es mit der Philosophie in Frankfurt weitergehen soll – denn so wie sich unser Studium derzeit gestaltet, kann man ihm nur mit Enttäuschung und dem Wunsch nach Veränderungen begegnen.

Wir betrachten die Entwicklungen an unserem Institut – genauso wie im Hochschulsystem insgesamt – zutiefst kritisch, da diese im Zeichen einer zunehmenden Ökonomisierung stehen. Wir fühlen uns vom Drang nach Effizienz und Exzellenz in wenigen Bereichen bei gleichzeitig massiven Kürzungen der finanziellen Mittel, die in ein ausreichendes Angebot an Lehrveranstaltungen und deren Qualität investiert werden könnten, verhöhnt.

 Entsprechend kritisieren wir die Modularisierung und die Einführung eines sechssemestrigen Bachelorstudiengangs in unserem Fach, da wir der Meinung sind, dass ein angemessenes Studium der Philosophie vor allem Zeit und Freiheit zu seinen Voraussetzungen zählt. Es kann im Studium – und gerade im Studium der Philosophie – nicht darum gehen, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Wissen anzuhäufen. Stattdessen muss es die Möglichkeit geben, sich intensiv mit philosophischen Problemen und Fragestellungen auseinanderzusetzen und das Vorgegebene kritisch zu reflektieren – unabhängig von den thematischen Vorschriften einer Modulstruktur, die es nicht nur erschwert, sich zu spezialisieren, sondern darüberhinaus suggeriert, man habe die ganze praktische oder theoretische Philosophie mit dem Besuch zweier Seminare und dem Bestehen einer Modulabschlussprüfung abgehakt.

 Auch die zunehmende Verdrängung von kritischer Wissenschaft betrachten wir besorgt. Das philosophische „Erbe“ der Frankfurter Universität – die Kritische Theorie – spielt im Studienangebot kaum eine Rolle, obwohl wir in einer Gesellschaft leben, die eine differenzierte Kritik bitter nötig hätte. Stattdessen wird es immer schwieriger, überhaupt Veranstaltungen zu finden, die nicht im Dienste analytischer Philosophie stehen und damit genau der Art von Formalismus Raum geben, der von der ersten Generation der Frankfurter Schule so entschieden abgelehnt wurde. Kritische Theorie in Frankfurt ist heute nur noch dem Namen nach kritisch. Axel Honneths Theorie – weltweit als würdige Weiterführung der Frankfurter Schule gefeiert – verabschiedet sich vollständig von der radikalen Kritik Adornos und Horkheimers, und gehört „zu denen, die keinen Zweifel daran lassen wollen, daß die geschichtsphilosophischen und soziologischen Grundannahmen der Frankfurter Schule heute nicht länger zu verteidigen sind“ (Zitat aus: Rekonstruktive Gesellschaftskritik unter genealogischem Vorbehalt). Entsprechend „sozialdemokratisch“ gibt sich seine Kritik: Dass etwas grundlegend falsch läuft, dass die kapitalistische Gesellschaft das „Unwahre“ sei, dem nur mit Widerstand zu begegnen ist, davon wollen weder Honneth noch das Exzellenzcluster, das auch gerne behauptet, kritische Gesellschaftstheorie zu betreiben, etwas wissen.

Ein weiterer Schritt weg vom kritischen Erbe der Frankfurter Philosophie besteht in der inhaltlichen Ausgestaltung des neuen Bachelorstudiengangs. So wurde etwa auf Druck einzelner Hochschullehrer der Fachrichtung Logik ein unverhältnismäßig großer Platz eingeräumt – zu Lasten der praktischen Philosophie. Natürlich – wer würde es bestreiten, dass es einfacher ist, sich in Formeln zu flüchten und die Widerspruchsfreiheit als oberstes Ziel zu proklamieren, statt anzuerkennen, dass Widersprüche etwas Reales sind, dem wir uns in unserem Denken auseinandersetzen müssen.

 Wir wenden uns gegen diese Entwicklungen und betrachten sie besorgt, weil wir das Philosophiestudium als eine Möglichkeit verstehen, das eigene Denken zu entwickeln und mit ihm die Fähigkeit, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Wir sind davon überzeugt, dass angesichts der bestehenden Studienbedingungen in Frankfurt ein sinnvolles Philosophiestudium fast unmöglich geworden ist. Hierzu bedürfte es vor allem eines selbstbestimmten Studiums, in welchen es den Studierenden endlich offen stünde, sich den von ihnen gewählten Themen hinreichend zuzuwenden und ihnen zudem Zeit und Raum zur kritischen Reflexion bliebe. Denn eine solche ist die Voraussetzung dafür, die Verhältnisse nicht hinzunehmen wie sie sind.

Deshalb fordern wir mit Nachdruck die Reduzierung der Prüfungsleistungen, eine angemessene Bewertung des Arbeitsaufwandes und eine Befreiung von engen Modulstrukturen.

 Um dem Mangel an kritischer Wissenschaft und selbstbestimmtem Lernen zu begegnen, hat es die Institutsgruppe nach mehreren Anläufen endlich geschafft, Autonome Tutorien in der Philosophie einzuführen. Diesem Vorschlag wurde von Seiten der Lehrenden überwiegend mit Ablehnung begegnet. Nur ein Kompromiss mit der Hälfte der geforderten Stellen und einer Dauer von einem Jahr wurde angenommen und nur zwei der Professoren stimmten für unseren Vorschlag – die anderen konnten keine Notwendigkeit autonomer Veranstaltungen erkennen. Sie machten deutlich, dass sie den Studierenden nicht zutrauen, selbstorganisiert und ohne Kontrolle von Seiten des Instituts Inhalte vermitteln zu können. In der Bezahlung der Tutor_innen sahen sie nichts als eine Verschwendung von Steuergeldern. Wir sind sehr schockiert von den Vorurteilen, die viele Lehrende gegenüber Studierenden zu hegen scheinen und fühlen uns nicht ernstgenommen.

 Wir rufen die Studierenden dazu auf, sich die nötige Zeit und den nötigen Raum zu nehmen für ein Philosophiestudium, das sich dieses Namens nicht schämen muss!

Norma Schneider
für die Institutsgruppe Philosophie

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.